Ratsversammlung am 19. Januar 2023: Aktuelle Stunde „Zukunftsfähigkeit der Holstenstraße“

19.01.2023

Herr Präsident, meine Damen und Herren,

eine Aktuelle Stunde zur Innenstadt muss zurzeit wohl mit folgenden Sätzen anfangen: Als ich am Wochenende durch die Holstenstraße gegangen bin, ist mir aufgefallen … habe ich gesehen… habe ich mit Erschrecken festgestellt.

Eine jede Antwort der Verwaltung wird lauten: Alles wird gut, wir arbeiten daran, …es gab folgende Gründe warum nicht, aber nun haben wir wieder Hoffnung, dass, … ich kann ja nicht, weil…. Ich würde ja so gerne, aber andere machen ja nicht…

So wird es auch heute sein!

Doch lassen Sie mich mit einigen positiven Eindrücken meines Spazierganges mit Ehefrau und Hund am Sonntag durch die Innenstadt beginnen. Diese sind zwar noch übersichtlich, aber es gibt sie:

Unsere Innenstadt hat eine einmalige Lage. Man sieht das Wasser und durch die Häuserzeilen hindurch Fähr- und Kreuzfahrtschiffe. Ein Eindruck von Weite, Weltoffenheit und Urlaub. Es gibt auch ein Geschäft mit lokalen Produkten und einen Pop-Up-Store, es gibt Inhaber geführte Geschäfte wie Meislahn. Es gibt in Sichtweite einige Neubauten. Es gibt den Holstenfleet.

Doch war das in einer Landeshauptstadt auf einer Strecke von ca. 1000 Metern schon alles? Nicht ganz, es gibt weitere Geschäfte. Z.B. sechs Läden für Telefone und Kommunikation sowie vier Brillengeschäfte… und eine Vielzahl von Kleinst-Gastronomie „für auf die Hand“, wenn ich das so sagen darf.

Wie ist der Gesamteindruck der Holstenstraße? Der Gesamteindruck ist nicht geprägt von Luxusgeschäften oder Geschäften des gehobenen Preissegmentes. Der Gesamteindruck ist geprägt von 17 Leerständen bzw. Geschäftsaufgaben und wenn man über den Alten Markt weiter zum sog. Schloss geht, kommen noch vier hinzu. Zu guter Letzt sind beim „Lichthaus am Schloss“ die Lichter ausgegangen.

Herr Präsident, meine Damen und Herren,

dies ist der objektive Tatbestand eines seit Jahren angewachsenen Missstandes in unserer Stadt.

Doch was ist nun zu machen? Welche Fragen stellen sich hier und heute?

Heute stellt sich zumindest nicht die Frage, ob der Wirtschaftsdezernent ausreichend Zeit für diese wichtigen Aufgaben hat. Es stellt sich auch nicht die Frage, ob wir die Stadtbaurätin wiederwählen werden. Noch stellt sich die Frage, worüber ich mich Haus & Grund im Vorwege ausgetauscht habe.

Heute stellen sich andere Fragen.

Aus Sicht der FDP-Fraktion gibt es bei dieser Gesamtthematik zwei wichtige Punkte zu beachten:

1.) Das politische Ziel von SPD und Grünen einer autofreien Innenstadt führt in Kiel offensichtlich zu einer Geschäftsfreien Innenstadt.

2.) Der Online-Handel hat das Einkaufsverhalten nachhaltig verändert. Die Nachfrage nach zentralen Einkaufsmöglichkeiten von Standardprodukten hat stark nachgelassen.

Nun könnte man sagen, zumindest den letzten Punkt kennen wir doch schon. Darüber hinaus haben wir in Kiel doch den von vielen Akteuren getragenen Ansatz des Profilierungskonzeptes der 6 Quartiere mit den unterschiedlichen Charakteren. Stichwort: „Kiel kann Kiez“. Ja, das haben wir seit 2021. Doch die Wirkung bleibt noch aus. Den heutigen Zustand habe ich soeben beschrieben.

Lassen Sie mich nur die Obere Holstenstraße herausgreifen. Wie heißt es so schön: „Mach neu! Hier proben wird die Innenstadt 4.0.“

Meine Damen und Herren,

die Innenstadt 4.0 sieht heute mehr als trostlos aus. Dort gibt es keine Innenstadt 4.0. In der oberen Holstenstraße sieht es derzeit mit am Schlimmsten aus.

Auch das Quartier „Melting-Pot“ soll durch die großen Marken und klassischen Retailer ein trendbewusstes Publikum mit jüngerem Durchschnittsalter anziehen. Auch das funktioniert nicht. Führten früher noch die großen Marken und Retailer zu einer Austauschbarkeit der Innenstädte, so findet man sie zumindest in der Kieler Innenstadt heute kaum noch. -  (Wir wären ja fast froh, sie noch zu haben) - Es sei denn, man wolle hierunter neuerdings auch 1 Euro-Läden oder unterpreisige Outlet-Läden subsumieren.

Was brauchen wir?

Es bedarf schnellstmöglich eines Neuansatzes für die Holstenstraße. Die Einkaufsstraße muss für das zentrale Einkaufen in der Länge signifikant und sichtbar reduziert, der Alte Markt von den Pavillonbauten weitgehend befreit und die Erreichbarkeit der Innenstadt auch für PKW sichergestellt werden. Wir brauchen großflächiges Wohnen mit Parkmöglichkeiten. Zusätzlich muss sich das Angebot an lokalen Produkten, insbesondere auch für die Fähr- und Kreuzfahrer, signifikant und nicht nur punktuell erweitern.

Wir brauchen Lösungen jetzt und keine hoffnungsvollen Vertröstungen auf morgen. Das hören wir nun schon seit sechs bzw. neun Jahren.

Was wir nicht brauchen, das sind junge Paare, die auch am Sonntag – wie wir - durch die Innenstadt gehen und man sie beim Vorbeigehen sagen hört: „Siehst Du, hier kannst Du den Niedergang der Holstenstraße erkennen.“

Wenn sich dieser Eindruck festsetzt, dann ist die Innenstadt nicht nur Auto- und Geschäftsfrei, sondern bald auch frei von Menschen, die sie aufsuchen. Dies gilt dann auch für die Touristen, die lieber sehr schnell an andere Orte fahren und dort und nicht bei uns für einen Kaufkraftgewinn sorgen.

Herr Präsident, meine Damen und Herren,

wir brauchen dringend einen neuen – tiefergehenden und wirkungsvolleren – Ansatz! Laufen wir nicht mehr der trügerischen Hoffnung hinterher, dass die aktuellen Ansätze mit den sechs Quartieren ausreichen. Das dem Ansatz zugrundliegende Konzept muss in einem iterativen Prozess schon heute und nicht erst in ein paar Jahren überarbeitet werden.

Lassen Sie uns die kleinen schon sichtbaren Pflänzchen weiter befördern und prüfen, wo wir nachsteuern müssen.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!“

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